Bildung als Provokation

Thursday,
7
.6.
2018
 
Wien
BSA Döbling
Vereinigung Sozialdemokratischer Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden höheren Schulen
Vereinigung Sozialdemokratischer Lehrerinnen und Lehrer an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen
Vereinigung Sozialdemokratischer Universitäts- und FachhochschullehrerInnen
Bundesfachgruppe Medienberufe im BSA

Der sozialdemokratische Querdenker Bruno Aigner, die Soziolinguistin Katharina Brizic, der ehemalige Vizekanzler und Bundesminister für Bildung und Wissenschaft Erhard Busek sowie der Philosoph Konrad Paul Liessmann, der das gleichnamige Buch verfasste, gingen verschiedensten Fragestellungen nach, unter anderem, was an Bildung provoziert, warum es unangenehm ist, gebildeten Menschen zu begegnen, was Bildung mit Freiheit, Urteilskraft, Mündigkeit, Belesenheit, Geschichtsbewusstsein, sprachlicher Sorgfalt und Genauigkeit, moralischer Sensibilität zu tun hat, was heute unter Bildung verkauft wird und nichts mit ernsthaftem Bildungsanspruch zu tun hat und was man unter Bildung verstehen möchte.

V.l.n.r.: Katharina Brizic, Erhard Busek, Simon Mariacher, Bruno Aigner & Konrad Paul Liessmann 

Die Gäste diskutierten durchaus kontrovers über ein gemeinsames Mindestmaß an Verstehen gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Zusammenhänge, formende Auswirkungen einer Lektüre auf den Entwicklungs- und Bildungsprozess eines Menschen, Lesen als Minderheitenprogramm, die Verbindung von Bildung mit Identitätsbildung, die kompetenzorientierte Bildungswert und den damit verbundenen spezifischen, messbaren und vergleichbaren Wissensschatz, ästhetische, literarische und sprachlich-historische Kenntnisse, die Idee von Bildung, einen Kanon europäischer Literatur, literarische Bildung, bestimmte Bücher, die es unbedingt zu lesen lohnt, da sie, unabhängig von der Zeit, aus der diese stammten, mit dem Leben und mit aktuellen politischen Fragen zu tun haben, sowie mehr Mut zur Muße, zur Politik in der Politik oder kurz gesagt Aufklärung.

Bildung fragt laut Konrad Paul Liessmann danach, inwiefern die Menschen durch das Wissen, durch die Kenntnisse, die sie erwerben, durch die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sie trainieren, in ihrer Persönlichkeit geformt und geprägt werden. Rein formale Kompetenzen haben deshalb mit Bildung wenig zu tun. Gebildet ist nicht derjenige, der eine Lesekompetenz aufweist, sondern derjenige, der ganz bestimmte Bücher gelesen hat und durch sie geprägt wurde. Gebildet ist auch nicht derjenige, der eine unspezifische Sozialkompetenz aufweist, sondern derjenige, der weiß, welches Verhalten in welchen Situationen angemessen ist. Der Gebildete ist kein wandelndes Lexikon, sondern es geht ihm um Grundlegendes, prinzipielles Wissen, um den Versuch, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, und nicht zuletzt um das Wissen darum, was man nicht weiß. Er kritisierte, dass unter dem Titel Bildung nicht über Bildung geredet wird. Es geht bei den Debatten um Organisations- und Verwaltungsfragen oder um die überbewerteten Kompetenzen, um Tests und Rankings, die Voraussetzungen für Bildung, die oft nicht mehr gewährleistet werden.

Ginge es um Bildung, gäbe es Debatten über Inhalte, ästhetische Kanons, Fragen nach der Bedeutung der Literatur für den Sprachunterricht, Inhalte des Geschichtsunterrichts, die Bedeutung naturwissenschaftlichen Denkens, die Bedeutung von Mathematik und Statistik für ökonomische, gesellschaftspolitische Diskurse, das gespannte Verhältnis von Ethik und Religion, einen kritischen Umgang mit der Digitalisierung. Der Philosoph sprach den Glauben an, dass Bildung alle Probleme lösen kann, sowohl die der sozialen Gerechtigkeit als auch die der ökonomischen Benachteiligung und merkte an, dass die Zeiten, in denen ein tertiärer Abschluss einen sicheren Arbeitsplatz und ein hohes Einkommen garantiert, dem Ende zu gehen und angesichts einer inflationären Zunahme von Abschlüssen aller Art ein akademisches Prekariat droht. Das ist kein Argument gegen gute Bildung, denn diese erlaubt auch, auf schwierige und unsichere Entwicklungen flexibel und angemessen zu reagieren, aber man sollte mit Versprechungen vorsichtig sein und der formalen Bildung nicht Dinge zutrauen, die diese nicht einlösen kann. Wer an Bildungssysteme überzogene, utopische und oft widersprüchliche Forderungen stellt, produziert jene Enttäuschungen, die dann wieder als Bildungskrise in Erscheinung treten.

Eine Demokratie funktioniert besser, wenn es eine gemeinsame Basis bei Grundkenntnissen, bei der Beherrschung der Kulturtechniken und beim Verstehen wesentlicher Zusammenhänge gibt. Die Schule wurde auch deshalb kollektiv organisiert, um Verbindlichkeiten und Standards transparent zu machen und zu vermitteln. Die Kompetenzorientierung tötet systematisch jede Neugier und erlaubt es nicht, sich mit Fragen inhaltlich auseinanderzusetzen, sondern trainiert nur isolierte formale Fähigkeiten. Wer das Mittelmaß zum Maßstab macht, wird immer nur Mittelmaß produzieren. Das zeigt seiner Meinung nach auch, dass die wahren Bildungsverweigerer mitunter in den Zentren der Bildungsbürokratie und in den Reformkommissionen sitzen.

Die neuerdings postulierte Bildungspflicht reizt zu einem Plädoyer für das Recht auf Bildungsverweigerung, wobei niemand von Bildungsangeboten ausgeschlossen werden soll, aber wer diese nicht nutzen möchte, sollte sich dem verweigern dürfen, allerdings mit allen Konsequenzen. Man könnte polemisch hinzufügen, dass diese nicht schlimm sein müssen, denn die Karrieren mancher Bildungsverweigerer sind heutzutage atemberaubend.

Der Buchautor möchte dazu beitragen, junge Menschen nicht nur als Objekte von Bildungsplanung und -prozessen oder von Input-Output-Strategien zu sehen, sondern sie in ihrem Verhalten ernst zu nehmen. Vielleicht muss man jungen Menschen verdeutlichen, dass Bildung nicht nur Spaß macht. Wissen zu erwerben, Zusammenhänge zu verstehen, Texte zu lesen, Probleme zu analysieren, Fähigkeiten zu üben, das Gedächtnis zu schulen, das ist etwas, das auch mühsam sein und nicht nur spielerisch passieren kann. Die Spaßmentalität vergisst die alte Einsicht, dass es eine Lust gibt, der die Anstrengung und Entbehrung vorausgegangen sein muss. Er träumt von einer Schule, in der es keine Smartphones und Tablets, keine virtuellen Freundschaften und keine Gamification gibt, sondern in der Neugier und Freude am Lernen durch die konzentrierte Auseinandersetzung mit der Sache, nicht durch das Design der Umgebung oder durch die Oberfläche der Medien entfacht wird. Gleichsam sollte Faulheit eine Form der Muße sein, dann wäre der faule Schüler ohnehin der beste, denn die Schule leitet sich von scholé, dem griechischen Wort für Muße ab. Erhard Busek unterstrich, dass die Politik dem zentralen Thema Bildung den Stellenwert einräumen muss, den es verdient. Er stellte klar, dass in politischen Diskussionen die Bildung nicht wirklich vorkommt. Die eigentliche Frage in der Bildungspolitik dreht sich seiner Ansicht nach nicht um Ganztagsschule, Gesamtschule oder dergleichen, sondern um die Qualität der LehrerInnen und deren Ausbildung sowie Weiterbildung.

Die ganze Frage der Integration ist sehr eng mit dem Bildungssystem verbunden, dafür gibt es zu wenige und zu wenig ordentlich ausgebildete LehrerInnen. Dementsprechend sieht der frühere ÖVP-Bundesparteiobmann und Wiener Vizebürgermeister ein Umdenken in bildungspolitischen Fragen als unerlässlich, die Bildungsfrage ist die eigentliche Herausforderung der Zeit und der zentrale Schlüssel für die Zukunft, was den Menschen vonseiten der Politik viel zu wenig vermittelt wird. Bruno Aigner plädierte nicht für Strebertum, aber kritisierte die weit verbreitete Missachtung von Schule und Bildung, da sich selbst in intellektuellen Kreisen viele Leute rühmen, schlechte Schüler gewesen zu sein.

Geistige Arbeit hat in Österreich nicht den Stellenwert, wie in anderen Ländern. Eines der größten Probleme im Jahr 1968 war, dass Österreich zum Teil eine geistige Wüste gewesen ist, zumal es den geistigen Aderlass gegeben hatte und darin auch einer der Gründe für die weit verbreitete Bildungsaversion liegt. Er merkte auch an, dass es Studierende heute eindeutig schwerer haben, da der Konkurrenzkampf größer ist und die Ökonomisierung der Universitäten deutlich zugenommen hat. Für ihn sind Universitäten nicht nur Ausbildungsstätten, sondern vor allem Bildungsstätten, wo sich das geistige Klima einer Gesellschaft bildet. Der SPÖ-Querdenker hält jene sogenannten Orchideenfächer für eine notwendige Grundlage, vielleicht dann auch für eine reine Berufsausbildung, um die man sich kümmern muss. Der jahrzehntelange Wegbegleiter von Bundespräsident a.D. Heinz Fischer bemerkte darüber hinaus, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt und die Entpolitisierung in der Gesellschaft sehr weit fortgeschritten ist, was mit der Performance der etablierten politischen Parteien und mit der Zunahme der Boulevardmedien zu tun hat. Das schlägt sich auch an den Universitäten nieder, wo die Studierenden um ihr eigenes Leiberl kämpfen. Hatte man als Universitätsabsolvent früher mehrere Jobangebote, ist das heute nicht mehr der Fall, wodurch man nicht mehr die Zeit hat, um politisiert zu werden. Kritisch sieht er, dass es in Österreich eine Aversion gegen Intellektualität und geistige intellektuelle Auseinandersetzung gibt, die etablierten Parteien seien vom Virus Populismus angekränkelt. 

Katharina Brizic untersucht im Rahmen ihrer internationalen Forschungstätigkeit unter anderem den Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit, Migration, Bildungserfolg und sozialer Ungleichheit. Für enorm wichtig hält die Wissenschaftlerin, wie sich das Bildungssystem in Österreich verändern müsste, um allen SchülerInnen unabhängig von ihrer Herkunft möglichst die gleichen Chancen zu bieten. In Mitteleuropa ist der Bildungserfolg noch immer stark an die soziale Herkunft gekoppelt, etwa an die Bildung der Eltern und die finanziellen Ressourcen. Die Ungeheuerlichkeit trägt dazu bei, dass die Schere zwischen „Unten“ und „Oben“ in mitteleuropäischen Gesellschaften noch weiter auseinander geht. Menschen mit besseren Ausgangspositionen landen oben, mit schlechteren Ausgangspositionen landen sie unten und das regelmäßig. Dies ist jedenfalls ein Zustand, der einer spätmodernen Gesellschaft unwürdig ist. Je weiter sich das gesellschaftliche „Oben“ und „Unten“ voneinander entfernen, desto mehr wächst die Gefahr von Armut und sozialen Unruhen. In Familien mit mehr finanziellen Mitteln ist nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit vorhanden, die Kinder ausreichend zu fördern. Zum Beispiel kann jemand mit mehr Geld seinen Kindern qualitativ hochwertige Nachhilfe erteilen lassen oder die Kinder in den Ferien in Nachhilfegruppen geben. Hingegen haben Eltern mit großen finanziellen Schwierigkeiten kaum die Zeit, sich um all das zu kümmern. Zu erdrückend sind oft die Probleme des Alltags, sehr lange Arbeitszeiten, eine körperlich erschöpfende Arbeit und vieles mehr. Mehrsprachigkeit, sozioökonomische Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen, unterschiedliche Chancen auf Bildung, unterschiedliche Sprachen-Rechte wie das Recht auf Unterricht in einer bestimmten Sprache und vieles mehr können der einen Gruppe das Leben erleichtern, der anderen Gruppe erschweren. Da die Bildungssysteme in Österreich und anderen mitteleuropäischen Ländern leider diese immer dominanter werdenden Ungleichheiten kaum ausgleichen, wird es umso wichtiger, ihnen entgegen zu wirken.

Volles Haus im BSA

 

Ingrid Vavra, Katharina Brizic & Matthias Vavra

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