Rudi Gelbard 1930 - 2018

Rudi Gelbard ist tot. Mit ihm verlieren wir nicht nur einen Zeitzeugen sondern vor allem einen unermüdlichen Kämpfer gegen wiederaufkeimende faschistische Tendenzen. Er wird uns als Freund, Gast, Zuhörer und vor allem als Denker, Mahnender und über alle Maßen engagierter Kämpfer für Gerechtigkeit fehlen.

Bis zuletzt durften wir ihn bei unseren Veranstaltungen begrüßen. Auch bei der Präsentation von Hans-Henning Scharsachs Buch mit dem Titel „Stille Machtergreifung – Hofer, Strache und die Burschenschaften“ ließ er es sich nicht nehmen, zu verdeutlichen, dass das, was in diesem Buch dokumentiert wird, keine stille Machtergreifung, sondern eine Kriegserklärung an Demokratie, Verfassung und unsere politische Kultur der Menschenrechte und des Miteinander ist.

Wir versprechen, Deinen Kampf weiterzuführen!

 

Rudi Gelbard 1930 - 2018

Wir trauern um Prof. Rudolf Gelbard, einen der letzten Zeitzeugen des Holocaust. Geboren 1930 in eine jüdische Familie in Wien erlebte er die Judenverfolgung der Novemberpogrome 1938 und wurde 1942 mit seinen Eltern von den Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Als eines von nur wenigen Kindern und anders als viele seiner Verwandten und Freunde überlebte er seine Internierung und setzte sich nach seiner Befreiung 1945 als glühender Antifaschist und couragierter Mahner für Aufklärung und wider dem Vergessen der Verbrechen des Nationalsozialismus, gegen Neofaschismus, gegen Neonazismus und gegen die extreme Rechte ein.

Ein zentrales Anliegen war ihm seit vielen Jahren die Information, nicht nur die Erzählungen seiner eigenen Erlebnisse, sondern ein beeindruckendes Wissen über die Zeitgeschichte vermittelte er im Rahmen von zahlreichen Vorträgen an Schulen, Universitäten und bei diversen Bildungseinrichtungen weiterzugeben. „Information! Das wichtigste ist Information, um sich vor kommenden Gefahren zu wappnen“, erklärte der langjährige Funktionär des Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen, das Mitglied des Bundes Sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen, das Mitglied der Kulturkommission der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und das frühere Vorstandsmitglied des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands über seinen unermüdlichen Einsatz.

„Seit Jahrzehnten vergeht kaum ein Tag, ohne dass ich jener Zeit gedenke, da mein Volk im Herzen Europas von den herrschenden Mördern ausgerottet wurde.“ Diese Passage von Manes Sperber stammt aus einem Text des österreichisch-französischen Schriftstellers, Philosophen und Sozialpsychologen, den Rudolf Gelbard sehr schätzte. Neben seiner umfangreichen Lehrtätigkeit und seiner journalistischen Arbeit etwa als Dokumentarist für Zeitgeschichte bei der Tageszeitung Kurier beteiligte er sich in der ersten Reihe an antifaschistischen Kundgebungen wie zuletzt im Mai 2018 mit einer Rede beim Fest der Freude am Heldenplatz und an zahlreichen Auseinandersetzungen mit der extremen Rechten wie etwa 1965 an den Protesten gegen den antisemitischen Universitätsprofessor Taras Borodjkewycz oder an den Demonstrationen gegen den „Akademikerball“ der FPÖ in der Hofburg.

Vor einem Jahr im Oktober 2017 wandte er sich in einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit, in der er vor einer Regierungsbeteiligung der FPÖ warnte und NS-Kriegsverbrecher auflistete, die Mitglieder von der FPÖ nahe stehenden Burschenschaften waren, die sich nie von einigen dieser Männer distanziert hätten. Rudolf Gelbard wirkte an der Produktion „Die letzten Zeugen“ von Matthias Hartmann und Doron Rabinovici am Wiener Burgtheater mit, bei der Zeitzeugen von ihrem Schicksal erzählten. Seine Lebensgeschichte wurde in der Dokumentation „Der Mann auf dem Balkon“ von Kurz Brazda verfilmt, die auch im BSA-Generalsekretariat gezeigt wurde und anschließend ein Zeitzeugengespräch mit Rudolf Gelbard stattfand. Der Regisseur sagte über den Freund und Überlebenden des NS-Terrors: „Wenn Rudolf Gelbard öffentlich das Wort ergreift, dann weiß er ganz genau, welche rhetorische Dramaturgie geboten ist, um seinen Zuhörer in seine Erzählung hineinzuziehen. Als Zeitzeuge ist er insofern eine Ausnahmeerscheinung, als er selbst Erlebtes gleichsam in einen historischen Raster positionieren und dabei politische Zusammenhänge auf unvergleichliche Art und Weise veranschaulichen kann.

Für sein Engagement, für die Weitergabe seines Wissens, für seine Konsequenz, seine Unbestechlichkeit und seine Courage wurde Rudolf Gelbard im Laufe seines Lebens mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt. Er erhielt unter anderem den Berufstitel Professor, das Goldene Verdienstzeichen und das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien, das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst, die Joseph-Samuel-Bloch-Medaille, den Theodor Herzl Preis und den Ute Bock Preis für Zivilcourage, der an Einrichtungen und Personen vergeben wird, die sich besonders um die Wahrung oder Durchsetzung der Menschenrechte verdient gemacht haben.

Der Republikanische Club – Neues Österreich vergibt seit 2008 den Rudolf-Gelbard-Preis für Aufklärung gegen Faschichsmus und Antisemitismus, der erste Preisträger war Rudolf Gelbard selbst. „Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ich für die tun kann, die nicht überlebt haben. Die Antwort, die ich für mich gefunden habe (und die keineswegs die Antwort jedes Überlebenden sein muss), lautet: Ich will ihr Sprachrohr sein, ich will die Erinnerung an sie wach halten, damit die Toten in dieser Erinnerung weiterleben können. Aber wir, die Überlebenden, sind nicht nur den Toten verpflichtet, sondern auch den kommenden Generationen: Wir müssen unsere Erfahrungen an sie weitergeben, damit sie daraus lernen können. Information ist Abwehr. Überlebende müssen wie Seismographen sein, sie müssen die Gefahr, früher als andere, wittern, in ihren Konturen erkennen und aufzeigen. Sie haben nicht das Recht, sich ein zweites Mal zu irren und für harmlos zu halten, was in einer Katastrophe münden kann.“ Diese Passage aus „Recht, nicht Rache (Briefe an junge Menschen)“ von Simon Wiesenthal wurde von Rudolf Gelbard mehrfach zitiert.

In einer Zeit der bedrohlichen politischen Entwicklungen für die liberale Demokratie, die weltoffene Gesellschaft, die Meinungs- und Pressefreiheit und die Menschenrechte sowie angesichts des Rechtsrucks in Österreich und Europa ist eine Persönlichkeit für immer verstummt, die den antifaschistischen Widerstand gegen jede Form der Wiederbestätigung verkörperte, die wesentliche Beiträge leistete, Österreich und seinem über Jahrzehnte beschworenen „Opfermythos“ zu der späten Erkenntnis zu verhelfen, dass während des NS-Regimes unzählige ÖsterreicherInnen auch TäterInnen und MittäterInnen waren, die vor der allgegenwärtigen Gefahr des Faschismus sehr eindringlich warnte und die sich an vorderste Stelle für den Kampf für Antifaschismus, Aufklärung, Menschenrechte und Demokratie engagierte.